Jerkbait-Fieber

Dieser Erfahrungsbericht soll dem interessierten Einsteiger die Angst vor dem Jerken nehmen und zeigen, dass dies für jeden leicht erlernbar ist. Aber Vorsicht!! Angeln mit Jerkbaits kann süchtig machen. Noch nie hat mich etwas so schnell überzeugt wie das Jerkbaitangeln. Man muss sich vorstellen. Die neue Jerkbaitausrüstung ist gekauft. Man geht ans Wasser und bereits beim zweiten Wurf beißt der erste Hecht. Und das war kein Zufall wie die nächsten Fänge bewiesen.

Im Winter hatte ich schon einiges übers Jerken gelesen. Bisher hatte ich nur mit GuFi, Wobbler und Blinker geangelt. Ein Hecht im Frühjahr in Schweden auf einen Buster Jerk war eher Zufall. Da wusste ich noch gar nicht was ich da wirklich an der Angel hatte. Daher stand für mich fest. In der neuen Saison werde ich in das Angeln mit Jerkbaits einsteigen. Den Einstieg habe ich dann exakt geplant. Nichts wollte ich dem Zufall überlassen. Bei den Blinker und Shimano Angeltagen an der Barweiler Mühle habe ich mich von Raubfischprofi Jürgen Haese ins Jerkbaiten einführen lassen. Man sieht mich mit dem schwarzen T-Shirt neben Jürgen Haese. Dabei durfte ich selbst die Jerkbaitrute führen. Es hat mich gleich elektrisiert. Die Jerkbaitrute und mein Arm waren schnell eine Einheit. Zufrieden und mit neuen Zielen habe ich die Heimreise angetreten.

Mein nächstes Ziel waren die Raubfischtage von Angel-Ussat. Dort habe ich Jürgen Haese wieder getroffen. Hier hat er mich beim Kauf meiner Jerkbaitausrüstung fachmännisch beraten. Kurze Zeit später war ich im Besitz einer neuen Rute, Rolle und einigen Jerkbaits. In einem netten Gespräch hat er mir noch viele Tipps mit auf den Weg gegeben. Auch Bertus Rozemeijer war angereist und hat mich dort bei der Auswahl der Jerkbaits unterstützt. Mein bevorzugtes Revier ist ja das Veluwemeer. Das gehört ja praktisch zu seinen Hausrevieren. Er hat mir natürlich die Salmo Slider und Fatso sehr ans Herz gelegt. Diese Köder sind aber auch absolut klasse Jerks und waren bereits nach kurzer Zeit meine Lieblingsjerks. Nun war meine Ausrüstung komplett. Die nächten Wochen waren die Härtesten seit langem. Ich musste auf den Beginn der Raubfischsaison in den Niederlanden warten.

Endlich war es soweit. Mit ein paar unterschiedlichen Jerkbaits ging es ans Wasser. Zuerst montierte ich einen Salmo Slider 10. Unglaublich aber wahr. Bereits der zweite Wurf bescherte mir den ersten gejerkten Hecht. Dieses Schlüsselerlebnis hat mich zu einem begeisterten Jerkbaitangler gemacht. Und es ist nicht ungewöhnlich. Mehrmals schon hat ein Hecht beim ersten Wurf gebissen. Oftmals kommen die Bisse wenn man den Jerk bereits soweit eingeholt hat, dass man ihn sehen kann. Es ist faszinierend dann zu beobachten wie sich der Hecht, aus der Tiefe kommend, auf den Köder stürzt, das Maul öffnet, dabei die die Kiemen spreizt, den Köder packt und wieder abdrehen will. Ein Wahnsinnsanblick. Das ist Adrenalin pur und haftet noch lange als Glücksgefühl im Kopf. An meiner Lieblingsstelle am Veluwemeer habe ich schon mehrere solcher Fänge gehabt. Die Bisse kommen in der Regel deutlich spürbar und hart. Auch wenn der Hecht sofort an der Schnur zieht darf man den Anhieb nicht vergessen. Hier habe ich am Anfang einige Hechte wieder verloren, die den Köder einfach wieder losgelassen haben. Auch muss die Bremse sehr fest eingestellt sein, damit beim Anhieb keine Energie verloren geht. Da die Köderführung sehr langsam ist, kann man oft Hechte beobachten die hinter dem Jerk her gleiten ohne zu beissen

Idealerweise steht man beim Jerken etwas erhöht am Wasser. An einer Uferböschung oder Hafenmole ist das in der Regel kein Problem. Aber direkt am Wasser sucht man sich an besten einen Stein auf den man sich stellen kann. Wer erst mal probieren will und nicht gleich viele Euros investieren kann, der sollte erst mal mit einer normalen, aber steifen Spinnrute anfangen. Ruten mit geringem Wurfgewicht sind ungeeignet, da sie viel zuviel nachfedern. Wenn die Rute zu lang ist oder der Standpunkt zu tief, dann geht das Jerken auch mit seitlich geführter Rute. Mit leicht laufenden Salmo Glidern oder Piketime ist das auch kein Problem. Das Wichtigste beim jerken ist die perfekte Köderführung und das Gefühl für die richtige Stelle. Dieses muss man sich langsam erarbeiten. Natürlich hilft das perfekte Gerät dabei. Die für mich ideale Jerkbaitrute ist kurz und steif mit einer guten Spitzenaktion. Kurz deshalb, weil man bei Jerken die Rute senkrecht nach vorne hält und die Spitze zur Wasseroberfläche in Richtung Schnur zeigt. Nun jerkt man durch ruckartige Bewegungen der Rutenspitze zum Körper hin. Idealerweise pendelt ein Glider hier sauber hin und her. Bei meiner Körpergröße von 180cm hat sich eine Rutenlänge von 190cm als ideal heraus gestellt. Ich habe mich für die Rotzemeijer Qualifier Jointed Power Jerk entschieden Sie ist 190cm lang, hat ein Wurfgewicht von 50-100g und wiegt 170 g. Die Rute sollte nur so kurz wie nötig und so hart wie nötig sein. Denn je kürzer und härter die Rute, um so weniger spürt man den Fisch beim Drill. Dadurch geht einiges an Angelspaß während des Drills verloren. Das wird aber kompensiert durch die vielen spannenden Erlebnisse beim Biss.

Kommen wir jetzt zur weiteren Ausrüstung. Oft wird daraus eine Wissenschaft gemacht. Welche ist die beste Rute, welche Rolle ist gut für das Jerken, welche Schnur muss man haben? Das verunsichert viele Neueinsteiger und Anfänger. Aber lasst euch hier nicht erschrecken. Bei der Wahl, ob Stationärrolle oder Multirolle, wird der Stationärrolle oft mangelnde Haltbarkeit vorgeworfen. Ich denke aber, dass man mit einer qualitativ guten Stationärrolle genauso gut jerken kann. Viele moderne Köder verlangen gar nicht so einen ernormen Ruck. Das kann auch die Stationärrolle locker ab. Ich persönlich fische aber beim Jerken lieber mit der Multirolle. Hier fiel meine Wahl auf die Shimano Calcutta 201B mit einem Gewicht von 286 g. Das hat aber nichts mit Haltbarkeit zu tun, sondern hat rein praktische Gründe. Beim Jerken umfasse ich mit der rechten Hand Rute und Rolle gleichzeitig. Damit habe ich einen besseren Griff und Hebel. So kann ich viele Stunden ermüdungsfrei angeln. Da ich die Rute auch recht nah am Körper führe ist eine unten hängende Rolle für mich auch unpraktischer. Wer aber mit diesen Dinge kein Problem hat der ist genauso gut mit einer Stationärrolle bedient. Ein gravierender Nachteil der Multirolle darf hier nicht verschwiegen werden. Das Werfen erfordert immer volle Konzentration. Kurz vor dem Aufschlag des Köders auf dem Wasser muss die Rolle mit dem Daumen abgebremst werden. Nur einmal vergessen und schon hat man eine der gefürchteten Perücken. Dann ist erstmal Angelpause angesagt.

Auch die Wahl der Schnur ist nicht schwierig wenn man ein paar Dinge berücksichtigt. Geflochtene Schnur ist beim Jerken absolute Pflicht. Monofile hat zuviel Dehnung. Dadurch geht der Kontakt zum Köder verloren und die Köderführung kann niemals optimal sein. Bei der Farbe verwende ich meist grüne Schnüre, aber dies ist auch nicht entscheidend, denn im Laufe der Zeit verlieren die Schnüre sowieso ihre Farbe und werden blasser. Das Wichtigste bei der Schnur ist ihre Tragkraft. Ich verwende hier eine Mitchell Spider Wire Stealth grün, 0,20mm mit 18,1 kg Tragkraft. Da die Köder recht schwer sind ist der Druck beim Werfen schon recht hoch. Oder wollen sie, dass der teure Jerkbait, bei einem Fehler beim Wurf alleine durch die Luft fliegt und in den Tiefen des Wassers verschwindet? Oder bei einem Hänger zu leicht abreißt? Da das Jerken eine recht grobe Angelei ist spielt die Dicke der Schnur eher eine untergeordnete Rolle. Der Hecht muss sich recht schnell entscheiden ob er attackiert oder nicht. Daher verwende ich auch ein 20kg Stahlvorfach. Das Vorfachmaterial sollte nicht so weich sein, damit der Köder besser geführt werden kann. Mit Spinnstangen kann ich mich persönlich nicht anfreunden. Es gibt Angler, die schwören auf 0,60er oder 0,70er Hartmono. Auch das habe ich schon ausprobiert, aber hier ist die Gefahr des Schnurbruchs durch die Hechtzähne nicht ganz auszuschließen. Ich baue meine Stahlvorfächer aus Meterware mit Klemmhülsen selbst. Mit mehr Geld in der Tasche kann man hier auch zu Titan greifen. Wer zum ersten Mal eine geflochtene Schnur an einen Wirbel bindet der wird sich wundern, dass sein bisheriger Knoten gar nicht hält und sich wieder aufziehen lässt. Auch ich habe ganz ungläubig auf da Ergebnis meines Knotversuches geschaut und war im ersten Moment völlig ratlos. Nach vielen Tests und Misserfolgen gibt es für mich nur noch zwei Varianten, die in Frage kommen. Ich musste schon mehrmals ins Wasser um einen abgerissenen teuren Jerkbait wieder zu bekommen. Entweder benutze ich die NoKnot Verbinder oder wenn nicht zur Hand dann verwende ich ausschließlich den Palomar Knoten

Auch bei Karabinern und Wirbeln sollte man auf Qualität achten. Ärgerlich wenn der Wirbel beim dicken Fisch auseinander fliegt. Beim Karabiner muss man auf die Schließung achten. Besonders wichtig ist zu prüfen ob der Karabiner nicht durch den Köder aufgedrückt werden kann. Ich habe schon einen Meterhecht dadurch verloren. Der Karabiner und Tauchschaufel eines Wobblers hatten ein so ungünstiges Verhältnis, dass die Tauchschaufel, bei der Flucht des Hechtes direkt vor dem Boot senkrecht nach unten, den Karabiner aufdrücken konnte. Der Hecht war samt Wobbler weg. Ich hatte nur noch das Stahlvorfach mit dem offenen Karabiner an der Angel. Mit einem baugleichen zweiten Wobbler konnte ich das nachstellen. Hier hilft dann nur das Zwischenschalten eines Karabiners anderen Typs oder eines zusätzlichen Sprengrings.

Auch bei der Wahl des richtigen Jerkbait sind Anfänger oft überfordert. Mittlerweile gibt es Unmengen von Jerkbaits in allen Größen und Farben. Dazu dann auch noch mit unterschiedlichem Sinkverhalten. Am liebsten möchte man von jeder Sorte, Farbe und Lauftiefe einen Jerk haben. Da diese aber alle recht teuer sind muss man sich entscheiden. Und das ist wahrlich eine Qual. Wenn man sich so durch das Internet liest, dann stellt man fest, dass mit jedem bekannten Jerkbait Fische gefangen werden. Meine Lieblingsjerks sind von die Salmo und die Piketime. Beide haben ein gutes Laufverhalten und Handling. Im flachen Wasser gefallen mir auch die Buster Jerk. Bei Wassertiefen ab 180cm sind meine absoluten Topfavoriten die sinkenden Salmo Slider in 10 und 12 cm in einfachem Weißfischdekor (Muster TT, RGS oder auch RS). Diese Jerkbaits sind mit 12 -15 Euro verhältnismäßig günstig. Am Anfang sollte man die Jerks nicht zu groß wählen. Ich habe im Frühjahr gut mit den 10ern gefangen. Im Sommer läuft es mit dem 12er Slider besser. Mit zwei Slidern im Gepäck kann man schon losziehen. Diese lassen sich zur Not auch an einer kräftigen Spinnrute führen. Von seinem Lieblingsjerk sollte man sich auf jeden Fall ein zweites Exemplar kaufen. Nichts ist schlimmer als wenn das Ding verloren geht und man hat keinen gleichwertigen Ersatz dabei. Spezielle Muster sind immer noch schwierig zu bekommen.

Jerkbaiten ist viel Arbeit. Irgendwann schmerzt das Handgelenk. Wer alles richtig macht der wird aber bald Erfolg haben. Zuerst sollten man im klaren Wasser seine Köderführung beobachten und verbessern. Auch ich habe immer wieder Tage wo scheinbar nichts geht. Oft beobachte ich wie der Hecht langsam hinter dem Köder auftaucht, aber nicht anbeißt. An anderen Tagen habe ich drei Hechte in 45 Min. Daran sieht man die Hechte sind da. Je mehr man seine Technik verfeinert umso mehr Hechte wird man zum Anbiss verleiten können. Dann wird das Fangen eines solchen 96cm Hechtes nicht mehr zur Ausnahme sondern zur Regel. Und nicht vergessen. Nur der stete Angler fängt den Fisch. Wer zu schnell aufgibt wird viele Erlebnisse verpassen. Der nächste Wurf kann schon der Rekordhecht sein. Also habt Mut und probiert es einfach mal aus und staunt wie schnell der Erfolg kommt.

Und nicht vergessen. Catch & Release. Leider gilt man damit in Deutschland als Tierquäler. In den Niederlanden ist dies aber völlig normal. Wenn man den Hecht fragen würde, ob er lieber abgeschlagen werden will oder weiter schwimmen will. Was würde der wohl antworten? Viel schöner ist es doch wenn der 80cm Hecht nicht im Kochtopf, sondern in zwei Jahren als Meterhecht wieder bei uns anbeißt. Als mündiger Angler sollte man sorgsam mit der Natur umgehen. Die Entnahme sollte auch in Deutschland sparsam erfolgen um den Bestand zu erhalten. Wenn ich bereits nach dem ersten Wurf meinen Fisch gefangen habe, soll ich dann wieder nach Hause gehen? Wie viele gute Gewässer und Bestände sind schon durch den Raubbau der Angler zunichte gemacht worden. Viele Fische landen dann irgendwann im Mülleimer, weil sie doch nicht gegessen werden. Und noch was: Wenn ich Fisch essen will, dann hole ich mir ein Fischbrötchen.

In diesem Sinne viel Erfolg am Wasser.